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Bücherübersicht
Wolfgang Losacker:
"Praxis unter Palmen - der Südseedoktor"
... erster Teil
RAKAHANGA UND MANIHIKI
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Reflektionen
Ich sitze an meinem kleinen Schreibtisch im Hospital und denke nach. Eine Woche habe ich jetzt hier verbracht zwischen den weissen Ziergardinen mit blauen Hibiskusblüten bedruckt, den drei Plakaten an der Wand, eines empfiehlt in Bildern Muttermilch als beste Säuglingsnahrung, ein anderes Zuckerrohr, Mais und Kokosnüsse, um die Zähne gesund zu erhalten, und das dritte zeigt eine Geschichte in 36 Bildern: die wichtigsten Ereignisse während der ersten drei Jahre eines Kindes. Vor den Fenstern hängen Flugzeugmodelle aus Pappe, die einen Hauch der großen, weiten Welt vermitteln, und hinter mir hängt das Wandtelefon, das aus einem unserer Antiquitätenläden stammen könnte. Es verbindet mich mit dem Postamt, dem CAO und der Schule. Der Blick durch die Fenster und die offen stehenden Türen führt auf Palmenhaine sowie Bananenstauden und Brotfruchtbäume, die vor dem alten, noch palmstrohgedeckten Nachbarhaus stehen, dessen Bewohner ständig vor der Tür sitzen, schwatzen, kochen oder Wäsche waschen.
Ich habe jetzt fast alle Inselbewohner untersucht und für die neu diagnostizierten Erkrankungen die Behandlungen begonnen, andere wenn nötig korrigiert. Fünf Patienten werde ich mit dem nächsten Schiff nach Rarotonga zu Operationen schicken. Ansonsten sind die Inselbewohner relativ gesund, kleinere Wundversorgungen, Abzesse, gelegentlich eine Magenverstimmung. Ich vergleiche in Gedanken mit meiner Praxis, die ich in Deutschland führte. Durch die Fenster sah man nur die Wände der Nachbarhäuser oder die Strasse, weder Himmel noch Bäume. Die meisten Patienten klagten über Beschwerden, verursacht durch zu viel Essen, Alkohol oder Zigaretten, verbunden mit übermäßigem Stress oder allem gleichzeitig, also Gallensteine, Magengeschwüre und Herzinfarkte.
Für mich gibt es ausserdem noch einen persönlichen Unterschied: Zu Hause bin ich gut entbehrlich, im Gegenteil, es warteten schon mehrere Kollegen darauf, meinen Platz einzunehmen; dagegen was ich hier leiste, tut ansonsten niemand, es geschieht einfach nicht. Und es gibt hier noch vieles, das zu tun bleibt.
Abends lese ich einen Roman von Stevenson über seine Fahrt durch die Paumotuinseln und efrreue mich an seinen Beschreibungen der gefährlichen Strömungen, der Riffeinfahrten, der Unterwasserwelt und der Eintönigkeit der Kost jener Tage...
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...zweiter Teil
PUKA PUKA
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Beginn der Sprechstunde
"Ich möchte noch heute alle schwangeren Frauen zur Untersuchung hier sehen sowie alle diejenigen Patienten, die womöglich zu einer Operation anstehen, wie z.B. einen Leistenbruch", sagte ich zu Nora und Metua.
"Heute noch?", fragten sie erstaunt, "heute sind doch alle mit der Ankunft des Schiffes beschäftigt."
"Je eher desto besser, es sind vielleicht Patienten darunter, die dringend operiert werden müssen, dann kann ich sie gleich mit dem Schiff nach Rarotonga schicken, denn sie wissen nie, wann es wiederkommt und auch nicht, wann es diesmal abfährt", und ich erinnere sie an die Geschichte der Schwangeren, die letztes Jahr in Puka Puka im neunten Monat erstmalig im Hospital erschien und sich herausstellte, dass sie nur mit Kaiserschnitt gebären konnte. So musste eiligst ein Schiff umgeleitet werden, sie abzuholen, und sie schaffte es gerade noch rechtzeitig, zum Krankenhaus nach Rarotonga zu gelangen.
Metua fährt mit ihrem Fahrrad über die Insel, und nachmittags erscheinen etwa ein Dutzend Patienten. Zwei von ihnen sind schon vorgemerkt für eine Operation in Rarotonga, eine Zyste und ein Schilddrüsentumor. Unter den Schwangeren finde ich eine mit einer Querlage des Kindes, die zur Geburt höchstwahrscheinlich einen Kaiserschnitt benötigt und eine Frau, deren erstes Kind drei Tage nach der Geburt an einer schweren Gelbsucht gestorben war.
Ich sagte ihr, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit dieses Kind wiederum ikterisch werden würde und empfehle ihr, mit diesem Schiff nach Rarotonga zu fahren, da man notfalls dort im Krankenhaus eine Blutaustauschtransformation machen könne. Das Gesundheitsdepartment würde für die Reisekosten aufkommen. Aber sie ist die Schwiegertochter des Pastors der Cook Islands Christian Church von Puka Puka und man sagt mir, er sei nicht damit einverstanden.
"Sehen Sie", sage ich zu ihm, als ich ihn zusammen mit Nora besuche, die ihm alles noch einmal übersetzt, "gehen Sie doch bitte um des Kindes willen kein Risiko ein. Hier auf den Inseln sind wir gegen solche Blutunverträglichkeiten machtlos, es fehlen einfach die technischen Einrichtungen zur Behandlung. Dass Ihr erstes Enkelkind daran sterben musste, ist doch wohl traurig genug."
Er sitzt, nur mit einer schwarzen Turnhose bekleidet, in einem hölzernen Lehnstuhl auf der Veranda seines Hauses, das noch im Bau ist und zurzeit nur aus nacktem Beton besteht, beleuchtet von einer Gaslaterne. Elektrisches Licht gibt es mit Ausnahme der an unserem Platz gelegenen Gebäude, für die abends ein kleiner Generator angeschaltet wird, auf Puka Puka nicht. Seine Frau scheint zu verstehen, und auch er willigt nach einigem Hin und Her schliesslich ein.
Für den Abend laden mich die Vorsitzenden der Vereinigung der Mütter zum Wohle des Kindes zum Essen ein, das auf Noras Veranda stattfindet. Es gibt Spezialitäten der Insel, rohen Fischsalat, Schweinefleisch, Taro und Rukau. Sie heissen mich willkommen und ich erkläre ihnen meine Pläne zur Untersuchung der gesamten Bevölkerung auf alle möglichen Erkrankungen.
Am folgenden Morgen kommen George und Don vorbei. Ich zeige ihnen das Krankenhaus und lade sie zum Tee ein.
"Schöne Insel mit netten Menschen darauf", sagen sie, "haben uns gestern zu einem Festessen in der Schule eingeladen, herrlich frische Langusten und Thunfisch in allen Variationen zubereitet. Danach haben sie uns über die Insel geführt und alles gezeigt, auf das sie stolz sind, und zum Schluss sagten sie, jetzt wäre auch noch ein Doktor für sie angekommen."
Wir lachen gemeinsam.
Die Radiotechniker, die auch schon den Sender in Nassau repariert haben, stellen einen neuen Sendemast in Puka Puka auf, da der alte zu niedrig ist und bei schlechtem Wetter nur unzureichende Verständigung bietet. Sie müssen eine Palme fällen, die im Wege steht, und dazu ist die Zustimmung aller Bürgermeister der Insel notwendig, da die Kokospalmen ihren Reichtum und zugleich ihre Hauptnahrungsquelle darstellen. Sie stimmen erst zu, nachdem ihnen eine Schadensersatzzahlung von der Regierung in Rarotonga in Höhe von 30 Dollar zugesichert wird. Nach getaner Arbeit sitzen die Techniker im Schatten eines Kopratrockners und trinken den einzigen Kasten Bier leer, den es zurzeit auf der Insel gibt, denn die "Manuvai" hat diesmal keine Alkoholika mitgebracht, die Bestellung wurde vergessen.
Am späten Nachmittag gehen sie zurück zum Strand. Die Abfahrt des Schiffes ist auf 17 Uhr festgesetzt. Ich begleite sie und treffe dabei wieder auf den Pastor. In heller, langer Hose und dunkelblauem Hemd steht er dort, auf dem Kopf einen samtfarbenen Stoffhut, dessen Krempe auf einer Seite hochgeklappt ist und ihn wie Monsieur Hulot oder jemand aus einer Modezeitschrift der zwanziger Jahre aussehen lässt. Er scheint auf mich gewartet zu haben...
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Fortsetzung folgt...
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